Die Minderleistervon Peter Turrini


Als Peter Turrini Ende der achtziger Jahre seine dramatische Anklage „Die Minderleister“ wider das betriebswirtschaftliche Konzept, Profitmaximierung durch Massenentlassungen zu erzielen, von der Bühne herab erhob, war das Passwort nationalökonomischer Ohnmachtserklärungen, „Globalisierung“, noch nicht einmal erfunden. Mittlerweile wird es fälschlich beinahe zum Naturgesetz erhoben, um die Verlagerung von Arbeit in jene Weltgegenden zu erklären, wo gesetzliche Regeln, gewerkschaftliche Schutzbestimmungen und fehlende Lohnnebenkosten die schrankenlose Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft nicht behindern. Auf Veranlassung des Grazer Schauspielhauses erweitert Peter Turrini seine so berührende wie bezeichnende Passionsgeschichte der Arbeitslosigkeit, die dem Ehepaar Hans und Anna nicht nur die materielle, sondern vor allem die seelische Existenzgrundlage raubt, bis in die Gegenwart – eine Gegenwart, in der das politische Ziel Vollbeschäftigung Museumscharakter anzunehmen droht. Sein Konzept formuliert Peter Turrini so:

„Als ich das Stück ‚Die Minderleister’ 1987 schrieb, war die Krise der Stahlindustrie an ihrem Höhepunkt angelangt: im Ruhrgebiet wurden große Stahlwerke geschlossen, in der österreichischen VOEST Massenentlassungen durchgeführt. Alle redeten von ‚unbedingt notwendigen Strukturmaßnahmen’, von der alles entscheidenden Wirtschaftlichkeit, die nur durch ein ‚Schlankerwerden’ der Lohnkosten zu erreichen sei. Vom Los der betroffenen Arbeiter redete fast niemand. Es war die Geburtsstunde jenes Satzes, der heute wie ein Dogma einer seligmachenden Religion verkündet wird: ‚Geht es der Wirtschaft gut, so geht es allen gut’. Die Arbeiter selbst mussten glauben, sie seien die Verursacher der Krise, sie hätten ihre Entlassung mit der Einsicht in die Notwendigkeit hinzunehmen. Um dem nachzuhelfen, denunziert man die Arbeiter: Viele von ihnen würden im Faulbett der übertriebenen Sozialleistungen liegen, sie seien Sozialschmarotzer, so hieß es. Sie sollten sich nicht als Betroffene wehren, sondern als Schuldige gehen.
Heute macht in vielen Betrieben die halbe Belegschaft die doppelte Arbeit. In etlichen Stahlwerken (vor allem in Deutschland) finden Kunstveranstaltungen statt. Ein Hochofen (in einen solchen ist meine Hauptfigur, der Stahlarbeiter Hans, gesprungen) wird immer wieder von Objektkünstlern verwendet. Die ersten Anzeichen von Globalisierung (Anna, die Frau von Hans und eine Textilarbeiterin, versteht nicht, warum ihre Firma nach Spanien verlegt werden soll) haben sich inzwischen zur weltumfassenden Realität entwickelt: Wo die Arbeiter weniger kosten, dort wird produziert. Wer heute das Wort ‚Arbeiterklasse’ in den Mund nimmt, wird als ‚Ewig-Gestriger’ belächelt. Die Reichen werden immer reicher, die Armen werden immer ärmer. Der Anteil der Löhne von Arbeitern und Arbeiterinnen am Volkseinkommen ist in den letzten zehn Jahren von 71 auf 58 Prozent gesunken. Der zynische Satz ‚Geht es der Wirtschaft gut, so geht es allen gut’ wird selbst von seinen Opfern nachgebetet.
Jetzt schreibe ich eine Neufassung der ‚Minderleister’ für das Grazer Schauspielhaus, in welche ich diese Entwicklung literarisch einarbeiten will. Eines möchte ich nicht ändern: Damals wie heute bleibt die Sprache meines Stückes eine ‚klassische’. Obwohl es sich bei den Menschen, die ich beschreibe, vorwiegend um Stahlarbeiter handelt, will ich keine Milieusprache, keinen Dialekt verwenden. Die große Form entspricht dem ‚großen’ Schicksal dieser Menschen.“
Peter Turrini, März 2006

 




Pressestimmen:

Choreograf Bert Gstettner entwirft eindrucksvolle Massenszenen mit einem Ballett der Stahlarbeiter, dann wieder berührende Sequenzen von hilfloser Suche nach Halt und Zärtlichkeit zwischen Anna und Hans. In allem ideologisch deutlich gefärbten Realismus gestalten Turrini und das Grazer Team eine beeindruckende Parabel auf die gegenwärtige Arbeitswelt.
DPA

Regisseur Alexander Kubelka hat für die im Zeichen der Stahlindustriekrise entstandene Anklage eine handfeste Deutung gefunden. Auf der Bühne von Paul Lerchbaumer, die das Elend einer ins Eck gedrängten Arbeitswelt spiegelt, fordert er den Schauspielern Vehemenz und Ganzkörpereinsatz ab. Der junge Julian Greis (23) bringt eine reife Leistung als Hans, der als Stahlkocher wegrationalisiert und zum Untergeher wird. Sehr stark auch Gerhard Balluch als Promille-Poet Shakespeare und Gerhard Liebmann als Kroate/Quizmaster.
Michael Tschida, Kleine Zeitung



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